Die Chamerin Sandra Betschart (27) ist in der Blüte ihrer Karriere in der Bundesliga engagiert und steht mit dem Nationalteam vor der EM. Die Verteidigerin äussert sich über die Ziele der laufenden Saison und ihre Wünsche und Träume für die Zukunft.

«Mit Häkeln lässt sich auch eine neunstündige Busfahrt schnell hinter sich bringen.»

Sandra Betschart über eines ihrer Hobbys

Sie ist weit gereist, hat viel erlebt und auch erreicht. Doch die sympathische Chamerin, von der diese Geschichte handelt, ist trotzdem immer auf dem Boden der Realität und bescheiden geblieben. Die Rede ist von Sandra Betschart. Die Fussballerin lebt heute ihren Traum. Die 27-Jährige spielt in der Bundesliga für den MSV Duisburg. «Ich bin stolz, dass ich in Deutschland meine ganz grosse Leidenschaft ausüben kann. Fussball ist ein wichtiger Teil meines Lebens», sagt sie. Betschart steht als Halbprofi unter Vertrag, sie arbeitet daneben als kaufmännische Mitarbeiterin bei einer Baufirma.

Mit dem Verein feierte sie im Sommer 2016 den Aufstieg von der zweiten in die erste Bundesliga. Diese Promotion war auf Klubebene sicher einer der schönsten Momente in Betscharts bisheriger Laufbahn. «In Duisburg wird der Fussball so richtig gelebt. Wir spielen bei unseren Heimspielen im Schnitt vor 1000 Fans, und in der Stadt wird man als Spielerin wahrgenommen und angesprochen. Das ist schon speziell und sicher auch eine schöne Wertschätzung.» Das Ziel der laufenden Spielzeit ist der Klassenverbleib. Gegenwärtig liegen die «Zebras», wie der MSV Duisburg genannt wird, auf dem neunten Platz von zwölf Teams. Zum Rückrundenauftakt spielten sie in Essen 1:1, Betschart kam nicht zum Einsatz. In der Schweiz feierte die Abwehrspielerin, die beim SC Cham einst die Freude am Fussball und anschliessend beim DFC Malters erstmals in der höchsten Liga Fussballluft schnupperte, grosse Erfolge. Sie gewann mit dem FC Zürich drei Schweizer-Meister-Titel und einmal den Cup. «Jeder dieser Erfolge blieb bis heute in Erinnerung. Es ist immer wieder ein Glücksgefühl, wenn man einen Pokal in die Höhe stemmen kann», schildert Betschart.

Betschart ist auch ein Sprachtalent
Zu ihren Stationen gehörten auch zwei Teams in Schweden in der höchsten Liga. «Das war eine sehr schöne Erfahrung für mich. Die Menschen in Skandinavien sind so lebensfroh und sympathisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Ich hab mich von Beginn weg heimisch gefühlt, und das wurde mir auch einfach gemacht. Meine Teamkolleginnen haben mich direkt überall mit hingenommen.» Die Schweden begegneten auch Ausländern überaus offen. «Ich konnte mich schnell integrieren, wurde herzlich empfangen und aufgenommen – nun spreche ich fliessend Schwedisch», sagt Betschart lachend. Französisch lernte sie während eines halben Jahres beim FC Yverdon. «Das brauchte ich für meine kaufmännische Lehre mit Berufsmaturaabschluss», erklärt sie.

Als Nationalmannschaftsspielerin (67 Einsätze) konnte sie auch schon im internationalen Rampenlicht stehen und Erfahrungen sammeln. Im vergangenen Jahr stand die Chamerin, die in einer Beziehung lebt, im Kader des ersten Schweizer WM-Teams der Geschichte. Sie kam allerdings nicht zum Einsatz. Der nächste Grossanlass steht bereits vor der Tür. Im Sommer nehmen die Schweizerinnen an der EM-Endrunde in Holland teil. «Ich freue mich auf diesen Grossanlass. Die Partien gegen Frankreich, Island und Österreich werden eine grosse Herausforderung für uns darstellen. Die Franzosen sind favorisiert, dahinter kann alles passieren», glaubt die stets fröhliche Betschart. «Wir müssen uns sicher nicht verstecken. Wir haben an der WM und in der EM-Qualifikation bewiesen, wozu wir fähig sind.» In der kommenden Woche steht die Schweiz am Cyprus Cup im Einsatz, Betschart ist auf Pikett aufgeboten.

In Betscharts Leben dreht sich aber nicht alles um das runde Leder: Sie probiert gerne andere Sportarten aus wie Klettern. «Im Klettergarten oder in der Boulderhalle war ich schon. Diese Abwechslung tut mir gut, und gerade beim Klettern brauche ich Muskeln, die ich vom Fussball nicht kenne.» Darüber hinaus liest Betschart gern oder trifft sich mit Freunden, wenn es die Zeit erlaubt. Und dann ist da noch ein besonderes Hobby – das Stricken respektive Häkeln. «Die Häkeltiere, die ich mache, nennen sich Amigurumi und sind unglaublich süss. Mit Häkeln lässt sich auch eine neunstündige Busfahrt zu einem Fussballspiel neben Filme gucken schnell hinter sich bringen», sagt Betschart grinsend.

Mit ihrer Familie in Cham pflegt Betschart vorwiegend Kontakt über soziale Medien. «Leider sind es im Jahr nur rund drei Wochen, in denen ich in die Heimat zurückkehre, doch der Kontakt mit meiner Familie ist mir sehr wichtig. Sie sind ja meine Liebsten im Leben.» Betschart hat zwei Brüder, Patrick (24) und Michael (29). Ihre Mutter Lis, ehemalige Handballerin beim LK Zug, arbeitet im Kantonsspital in Baar und ist bei den Chamer Fussballern als Masseurin tätig. Vater Werner war früher ein Ruderer und unterrichtet heute an der Hochschule Luzern Technik und Architektur. Könnte sich Betschart eine Rückkehr in die Schweiz vorstellen? «Mein Vertrag bei Duisburg läuft bis im Sommer. Dann schauen wir weiter», sagt sie.

Gedanken an die Zukunft
Hat Betschart auch Vorbilder? «Ich gehe eigentlich meinen eigenen Weg. Beeindruckt hat mich sicher die Karriere von Stan Wawrinka. Er war nicht das grösste Talent, doch mit seinem Willen schaffte er es an die Weltspitze. Das zeigt mir, was mit der richtigen Einstellung im Leben alles erreicht werden kann.» Nach ihrer Fussballkarriere wünscht sie sich eine Familie und die Möglichkeit, ihre Leidenschaft Sport mit dem Beruf zu kombinieren. «Ich sehe meine Zukunft irgendwo im Sportmarketing», sagt Betschart, deren Leben «aus vielen Wünschen und Träumen» bestehen würde. Gut möglich ist, dass diese auch in Erfüllung gehen. An der Einstellung und dem Willen mangelte es Betschart bisher nie.